aqt — Urbane Quartiere neu gestalten
Wie müssen wir Mobilität in urbanen Quartieren neu denken, um die Klimakrise anzugehen und soziale Gerechtigkeit zu wahren? Wie kann die Verkehrswende gelingen? Wie können wir Nachbarschaften und Viertel gemeinsam neu gestalten?
Mit der Mobilitätsstrategie 2035 und dem Stadtentwicklungsplan 2040 will die Stadt München den motorisierten Individualverkehr verringern und die Qualität des öffentlichen Raums verbessern. Im Einklang mit diesen Zielen erkundet das Forschungsprojekt »aqt« (autoreduzierte Quartiere für eine lebenswerte Stadt) Wege zu Quartieren mit weniger Autos und mehr Raum für Menschen.
Forschungsansatz | Reallabore
Von Mai bis Oktober 2023 wurden in zwei Münchner Quartieren, der »Südlichen Au« und dem »Walchenseeplatz«, verschiedene Maßnahmen zeitlich begrenzt umgesetzt und ausgewertet. In dieser Zeit fanden weitere Beteiligungsformate statt, um gemeinsam mit Forschungseinrichtungen, Stadtverwaltung, Wirtschaft, NGOs und Zivilgesellschaft Transformationspfade zu entwickeln. Die Erkenntnisse aus dem Reallabor wurden bis zum Sommer 2024 weiterentwickelt, ausgewertet und diskutiert. Das Projekt endete im Oktober 2024.
»Es braucht eine Neuverteilung des öffentlichen Raums; viel Luft nach oben für eine deutlich effizientere Nutzung des Autos […]«
Georg Dunkel, Mobilitätsreferent der Landeshauptstadt München, Juni 2023
Im Quartier »Südliche Au« wurde der Stadtraum am Schlotthauerplatz, am Edlingerplatz und in der Kolumbusstraße umgestaltet: mit Rasen, Hochbeeten und einer Sandfläche statt Asphalt, mit Fahrradständern und Sitzgelegenheiten statt Parkplätzen. Fünf Monate lang konnten die Anwohnenden ihr Quartier mit verschiedenen Erholungsbereichen erleben, dazu mit einem neuen, offenporigen Straßenbelag, der die Stadt kühler hält.
Die Anwohnenden spielten in diesem Projekt eine wichtige Rolle: als Experten für die lokalen Gegebenheiten und als Quelle für Feedback. Durch seinen partizipativen und transdisziplinären Charakter schuf das Projekt aqt eine Plattform, um den öffentlichen Raum in den ausgewählten Quartieren neu zu ordnen, auszuhandeln und zu verändern.
Diese Veränderung soll von den Anwohnenden als etwas wahrgenommen werden, das sie erleben und mitgestalten können.
Rückmeldungen der Bürgerinnen und Bürger zu ihren Alltagsbedürfnissen sind ein wichtiger Input für Stadtplanung und Politik, damit sich Anreize für Verhaltensänderungen erfolgreich auf andere Quartiere übertragen lassen.
Zukünfte-Workshop
Reallabore sind ein großartiges Forschungswerkzeug, um konkrete Maßnahmen unter realen Bedingungen zu testen und Gewohnheiten, Bedürfnisse, lokale Kultur und tatsächliche Präferenzen kennenzulernen. Menschen mit einer anderen Realität zu konfrontieren, bringt schnell viele Erkenntnisse darüber, was funktioniert und was nicht. Es gibt aber auch eine Kehrseite: Die Menschen verfangen sich in den kleinen Details ihres neuen Alltags. Und manchmal macht es das schwer, sich vorzustellen, was möglich wäre, wenn alle Probleme, die in der Anfangsphase einer neuen Situation auftreten, mit der Zeit gelöst wären.
Um die Vorstellungskraft anzuregen und den Menschen einen Raum für den Austausch zu geben, wurden 15 Anwohnende zu einem Design-Futuring-Prozess eingeladen. In zwei halbtägigen Workshops erkundete die Gruppe Trends und Signale, die sie in ihrem Quartier betreffen könnten, und entwickelte dann gemeinsam Zukunftsszenarien. Diese wurden illustriert und in Geschichten von Quartiers-Personas übersetzt, mit denen sich Menschen identifizieren können. Der Prozess und seine Ergebnisse sind ausführlich in unserem Fachartikel im Journal Contexts – The Systemic Design Journal beschrieben (auf Englisch).
Zukünfte-Forum
Diese Zukunftsbilder in Form von illustrierten Szenarien und Storyboards dienten einer größeren Gruppe als Einstieg in eine Wertediskussion über wünschenswerte Zukünfte, bei einem für die Öffentlichkeit zugänglichen Zukünfte-Forum im Oktober 2023.
Neben der Ausstellung kam das Quartier zusammen, um in einem Rollenspiel unter Anleitung professioneller Schauspieler*innen lokaler Improvisationstheater Pro und Contra sowie gegensätzliche Perspektiven auszutauschen.
Die Jüngsten im Quartier konnten ihre Wünsche und Zukunftsbilder in einer KI-gestützten »Kinderwerkstatt« äußern, einem Format von Studierenden der Fakultät für Design der Hochschule München. Es erkundete, wie Kinder die Stadt der Zukunft sehen und zeichnen, und übersetzte ihre Zeichnungen mit generativer KI in fotorealistische Bilder, die sich im politischen Diskurs der Erwachsenen schwerer abtun lassen.
Projektdaten
- Unsere Rolle: Konzeption und Moderation von Zukünfte-Workshop (Juli 2023) und Zukünfte-Forum (Oktober 2023), Art Direction der Visualisierung von Szenarien und Storyboards
- Projektteam Zukünfte-Workshop & Zukünfte-Forum: Dr. Marco Kellhammer, Dr. Stefanie Ruf, Prof. Dr. Eileen Mandir
- Projektpartner aqt: Hans Sauer Stiftung, Bayerische Hausbau, Aimsun, SIXT, ChargeX, Technische Universität München, Landeshauptstadt München, Stadtwerke München
- Auftraggeber: MCube Münchner Cluster für die Zukunft der Mobilität in Metropolregionen, Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
- Veröffentlichung: Kellhammer, M., Ruf, S. & Mandir, E. (2026). Negotiating Urban Mobility Futures: Collaborative design futuring with residents in two Munich neighbourhoods. Contexts – The Systemic Design Journal, 3.